Groß Klein Nah und Fern

Kleine Leute in großer Umgebung. Wie oft hat man sich als Kind gefragt, in welcher Welt lebe ich und wie ist diese Welt beschaffen. Bin ich möglicherweise ein kleines Wesen in einer großen Umgebung, etwa wie ein Floh in einem Hundefell?

Nagels, Jens: Groß, Klein, Nah und Fern, 1986
72 Seiten; 57 Abb.; 32 x 34 cm, ISBN 3-9801640-2-0

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Einleitung


In Kyoto bin ich,
doch beim Schrei des Kuckucks
sehn ich mich nach Kyoto
Basho

Einleitung

Damals, als ich noch vor der großen hohen Welt unter einen Küchentisch flüchten konnte, waren die Dinge und Bild er anders, noch nicht so festgefügt. Einfach war es, einen der Hunde zu Gesellschaft herbeizulocken und an ihn gelehnt, aus dieser geschützten Höhle hinaus den unteren Teil der Umgebung zu betrachten. So schauten dann dieser Hund und ich aus unterschiedlichen Augen in dasselbe Zimmer. Wie er die Welt aus seinen braunen Augen über diese lange Nase hinweg wahrnahm, blieb mir ein Geheimnis. Auch wußte ich oft nicht genau, ob es so richtig war, wie ich die Welt sah, ob die anderen sie genauso, ähnlich oder, vielleicht ganz anders sahen. Er war groß, ich klein, und doch hätten alle gesagt, wir wären gleich groß. Wir saßen gemeinsam unter einem Tisch, der bei uns als der »Niedrige« bezeichnet wurde. Für den Hund und mich war er jedoch hoch!

Erst Jahre später erfuhr ich, das weit weg in anderen Ländern jedermann diesen Tisch als hoch angesehen hätte. Nach diesen Gleichgesinnten musste ich noch lange suchen, obwohl ich sie schnell fand. Sie beantworteten mir viele Fragen oder sorgten dafür, das es Fragen blieben.

Merkwürdig war auch, das dieser große Kumpan an meiner Seite von winzig kleinen Lebewesen bewohnt war. Ich konnte sie entdecken, wenn ich das Fell mit meinen Fingern in lange Straßen teilte, so das ich die Haut sehen konnte, die mal rosig mal braun war, gleich den weißen und braunen Haaren, die an dieser Stelle wuchsen. Über diese lebendige Landkarte sauste manchmal aufgeschreckt ein Floh und versuchte vor dieser großen Hand zu entkommen oder er wagte ganz plötzlich den Sprung ins Ungewisse und verließ sein Land.
Unter diesem Küchentisch sitzend fragte ich mich manchmal, ob nicht auch wir auf einem großen Erdenhund wohnten, der durch eine andere uns fremde Welt trottete. Vielleicht waren die Wälder, die ich schon kannte, seine Haare und nur der Wind wäre für uns beide der gleiche; oder vielleicht lebten wir auf einer bepelzten Ente, die Sterne fressend langsam den Himmel durchgleitet.

Nur war da keine große Hand oder eine ähnliche sichtbare Bedrohung aus einer anderen Welt, - die Wolken wechselten zu schnell die Gesichter und der Regenbogen war zu luftig und schön. Selbst Gulliver war nirgendwo zu entdecken und obwohl es schon vorgekommen war, das es mich beim Anblick eines Riesen, der auf dem winzigen Bürgersteig der anderen Straßenseite entlang schritt, erschreckt durchfuhr: »Dies könnte er sein!«. Aber nein, er wäre gegen den richtigen, den wirklichen Gulliver doch nur ein Däumling gewesen.

Der Däumling jedoch war auch nicht auszumachen, oder sah ich vielleicht nur nicht richtig hin, brauchte man dazu andere Augen oder gar eine magische Brille, um das scheinbar Unsichtbare zu entdecken? Gehört hatte ich schon von Zwergen und Pygmäen, bei denen die Erwachsenen so groß wie hier die Kinder sein sollten. Aber selbst wenn es sie gäbe, wären es ja nur die Vermittler zu den wirklichen Kleinen gewesen, die ich nicht entdecken konnte.
Aber Afrika war so weit wie Lilliput, und die Zwerge, die zaubern konnten, hatten sich schon vor so langer Zeit in ihre Bergwerke zurückgezogen. Niemand erinnerte sich mehr an sie und fast alle bestritten sogar, das es sie je gegeben hätte.

Aber dennoch sind diese Bewohner einer uns wohlbekannten, aber für sie doch andersartigen Welt nicht aus unseren Köpfen wegzudenken. Es ängstigt uns, klein und unauffällig in einer zu großen Umwelt zu stehen und wir beneiden und fürchten zugleich den Riesen, der zwar die Kraft vieler Kleiner hat, aber doch vom Himmel gebeugt unübersehbar dasteht. Hätten Gulliver und Alice doch einen Fotoapparat auf ihre Reisen in diese außergewöhnlichen Länder mitgenommen! Sie hätten uns erstaunliche Bilder von der anderen Seite des Spiegels mitbringen können. Gerne hätte ich mal dem Kaiser von Lilliput ins Angesicht geschaut oder Fotos aus dem Wunderland mit dem weiß behandschuhten Kaninchen und der Edamer Katze gesammelt. Auch Jim Knopf, dieses findige Kerlchen, hätte sicherlich den Scheinriesen genau ablichten können, wieso er nur in der Ferne so groß war und 'e näher man ihm kam, er langsam auf normales Menschenmaß schrumpfte? Widersetzte er sich den Gesetzen der Perspektive und erhob die Dingkonstanz zur nur ihm gemäßen Wirklichkeit? Jim hätte sich noch die Siebenmeilenstiefel leihen sollen, um dieser Sache, die mit Entfernung zu tun hatte, von allen Seiten näher zu kommen. Aber wie kommt man Entfernung näher?

Erst nach der Erforschung des nahen Raumes wurde der Horizont und alles, was dahinter verborgen sein mochte, begehrt. Solange ich noch klein war, reichte die Nähe der Umgebung, um die Neugierde zu befriedigen. Auch ließen die Großen mich ja den Spielraum nicht verlassen. Als ich aber der Kindheit entwachsen war und es leichter wurde, die Wege in die Welt zu verlängern, kamen mehr und mehr Fragen auf, die sich mit dem beschäftigten, was fern ist und ob Ferne auch zu Nähe werden kann, das Exil zur Heimat, - oder wenn die Nähe fern wird, die Heimat zum Exil? Und so kann man dem Horizont entgegen eilen bis die Sahara ein Halt gebietet oder man in Indien am großen Meer steht. Doch verheißt die Landkarte hinter dem Strich des endlosen Wassers ein fernes Südostasien. Diese Landkarte, die einen immer weiter treibt, immer erklärt, wie man die nächste Stadt erreicht, aber nichts verrät über den Ort, an dem man gerade steht. So kann man den Horizont vor sich herschieben, bis er sich wiederholt, die Erde umrundet ist. Alle Uhrzeiten sind durcheinander gewirbelt und irgendwo im Pazifik war die Datumsgrenze, die die Nummern der Tage trennt und man musste lange überlegen, wie es funktioniert, denn es musste ja funktionieren, sonst säße man in einer Zeitmaschine und das jetzt wäre gestern.

So ist das Größte umrundbar klein geworden und ich war erstaunt, das dieser Globus, der damals im Kinderzimmer stand, wohl doch das Abbild dieser Erde ist. Doch habe ich die Erde nie rund gesehen und obwohl ich weiß, das sie sich auch noch dreht, kann ich es nicht sehen, sondern immer bewegt sich die Sonne über den Himmel und die Erde verharrt in ewiger Ruhe. Selbst wenn ich ganz intensiv versuche, mir vorzustellen, das die Sonne stillsteht und der Horizont sich langsam von ihr fortbewegt, überkommt mich Schwindel, ich denke, ich stehe schräg und bekomme Angst zu rutschen und von dieser großen Scheibe ins Nichts zu stürzen.
Ich kann nicht sehen, was ich weiß!

Oft scheinen es grundverschiedene Ebenen zu sein, auf denen ich mich befinde, wie auch das Fühlen, Denken oder die Zeiten des Traums, von denen ich am Tage nichts weiß, obwohl ich sie nachts endlos durchstreife.

Ich lebe in verschiedenen Welten, sie ergänzen sich und widersprechen einander im Chor.
Erst wenn der Schleier des Gewohnten unerwartet zerreißt, erkenne ich, das diese Gegensätze nur die verschiedenen Töne einer Melodie sind. Dann sitze ich wieder wie unter einem Küchentisch, aber durch die jetzt gläserne Tischplatte kann ich den Himmel sehen und nachts die Sterne, nach denen zu greifen sich nicht lohnt. Denn es sind Sterne, nicht nah und klein, sondern fern und groß. Sie leuchten ohne Absicht und geben uns Weite, einfach so.

Wasserweg 2, Sommer 1985