Konstruktionen, 1990

Ein Beitrag zur Vereinfachenden Fotografie

Die hier abgebildeten Fotos zeigen keine optischen Täuschungen, keine fremde Wirklichkeit - sie zeigen einen Sachverhalt, den wir zwar so sehen, aber nicht so wahrnehmen können! Wir sehen mit den Augen, aber die Wahrnehmung entsteht in unserem Gehirn.
Wir glauben der Fotografie, mißtrauen jedoch dem Abgebildeten; wir kennen die Gesetzmäßigkeiten von Größe und Entfernung, von Perspektive und Konstanz, von horizontal und vertikal, aber dies taugt hier nur als Spielmaterial für unsere Sinne, um unsere Wahrnehmungs- und Deutungsmuster in Frage zu stellen: Was ist groß und nah, was fern und klein, was gerade und was schräg, ist es ein fotografierter Gegenstand oder ein fotografiertes Foto oder eine fotografierte Spiegelung?
Ist Wirklichkeit fotografisch abbildbar oder - was bildet eigentlich die Fotografie ab?

Nagels, Jens: Konstruktionen, 1990, 72 Seiten; 58 Abb.; 21x24cm
ISBN 3-9801640-7-1, Euro 15,-

  • Groß, Klein, Nah und Fern
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Jens Nagels, Konstruktionen – Fotografie und visuelle Wahrnehmung

Du sagst, du gehest nach Fez.
Wenn du aber sagst, du gehest nach Fez,
so bedeutet das, das du nicht hingehst.
Ich weiß aber, daß du wirklich nach Fez gehst.
Warum belügst du mich, deinen Freund?

Marokkanisches Sprichwort

Kapitel 1

Ich konnte schon immer sehen - meine Augen funktionierten. Aber ich weiß nicht, seit wann ich so sehe, wie ich heute sehe. Ich weiß, daß ich die gleichen Dinge zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich wahrnehme.
Ich habe mich oft gefragt, ob das Blau, welches ich gerade sehe, auch alle anderen Lebewesen genauso sehen; vielleicht sehen sie ja rot, wenn sie "blau" sagen oder eine ganz andere Farbe, die ich niemals gesehen habe?
Ich hörte, daß nachts alle Katzen grau sind. Ich weiß jedoch, daß eine rote Katze auch des nachts rote Haare hat. Wieso behauptet man, daß sie grau ist, wo sie doch nur grau aussieht?
Wenn der Mond dem Horizont entgegensinkt, wird er dann größer oder kommt er uns etwa näher? Ziehen die Wolken vor dem Mond dahin oder bewegt sich der Mond hinter den stillstehenden Wolken?

Mit Foto, Film und Fernsehen hat sich unsere Erlebnis- und Informationswelt unermeßlich vergrößert. Wir können die spannendsten Geschichten (mit)erleben, die fernsten Orte der Erde bewundern, den größten Katastrophen gefahrlos beiwohnen und den berühmtesten Persönlichkeiten der Geschichte ins Gesicht sehen. Unser eigenes Leben, unsere direkte Erfahrung der Dinge, das Erleben der Wirklichkeit kann nicht mit der Welt der Bilder, die uns vor Augen kommen, konkurrieren. Die Vermittler von Wirklichkeit haben sich selbständig gemacht, sie sind eine eigene, die eigentliche Wirklichkeit geworden.
Und so geschieht es manchmal, daß wir unser eigenes, unmittelbares Erleben mit dem Erleben von Bildern vergleichen: Das war wie ein Foto, das war wie im Film, und wir meinen damit, es war etwas Besonderes.
Wahrnehmung und Gedächtnis haben eine Gemeinsamkeit: sie unterliegen den Veränderungen der Zeit. Wir können nie sicher sein, daß etwas so ist oder war - wir können nur so tun als ob. Jeder Zweifel an einer Kongruenz von Wahrnehmung und Sachverhalt würde uns einer eindeutigen Orientierung in der Welt berauben.

Kapitel 2

Wir sagen, die Sonne geht unter, aber wir wissen, daß nicht die Sonne untergeht, sondern daß die Erde sich dicht. Wir bewegen uns mit ihr, aber wir sind nicht fähig, dies wahrzunehmen. Wissen und Wahrnehmung können divergieren, jedoch ist die Wahrnehmung stärker als das Wissen.
Während unserer Phylogenese hat der Wahrnemungsapparat nicht mit unserem erworbenen Wissen um die Dinge Schritt halten können. Früher wußten die Menschen weniger, als sie wahrnehmen konnten, heute wissen sie mehr, als sie wahrzunehmen fähig sind! Unsere unmittelbare Wahrnehmung reicht für die Erfordernisse des modernen Lebens nicht mehr aus. Wir benötigen Instrumente, Anzeigen und Meßwerte, um uns nicht zu vergiften, nicht totzufahren, um zu überleben.

Die Fotografie vereinfacht das Abzubildende. Eine Fotografie isoliert das Abgebildete vom nicht Abgebildeten: Wir kennen nicht die Umgebung des Ausschnitts, das Gesamte beeinflußt nicht das Einzelne. Im Foto haben alle abgebildeten Einzelheiten die gleiche Wertigkeit, wir können nicht über "Unwichtiges" hinwegsehen.
Perspektive und Größenverhältnisse sind korrekt, aber die hilfreiche Konstanz von Größe, Form und Farbe kann nicht gezeigt werden. Wir sehen die Perspektive, aber wir erleben sie nicht als Räumlichkeit. Alle Linien des Raumes können sich treffen, die Begegnung der Parallelen ist möglich geworden.
Wir halten ein Stück Papier in Händen auf welchem die Daten eines winzigen Ausschnitts der Zeit und des Raumes festgehalten worden sind.
Die Fotografie scheint uns die Möglichkeit einer Objektivierung, von Gesehenem und Erinnertem zu geben. Der Grund hierfür liegt in der mechanischen, nicht manuellen Herstellung des Bildes - alles was auf dem Bild zu scheu ist, muß irgendwie vor der Kamera, vor dem Objektiv stattgefunden haben. Wir wissen, daß Fotografien lügen können, d.h. daß der Eindruck des Bildes nicht mit dem der Wirklichkeit übereinstimmt, aber dennoch überzeugt uns dieses Abbild immer wieder, und wir glauben an die authentische Reproduktion des Augen-Blicks.
Mit der Fotografie wurde ein Verfahren entwickelt, welches perspektivisch richtige, zweidimensionale Abbilder der dreidimensionalen Wirklichkeit konstruiert, die der Projektion auf unsere Netzhaut entsprechen. Hier liegt der Zauber der bildmäßigen Fotografie.

 

Kapitel 3

Kein Infrarot- oder Röntgenbild hat letztendlich die Faszination , die von einem Foto ausgeht, welches den alten Schulhof zeigt, den Star oder die Diva, den Freund aus alten Zeiten oder die Landschaft eines fernen Erdteils. Wir erkennen im Foto die Invarianten unserer Wirklichkeit. Jedoch vergessen wir nur zu leicht, daß ein Foto immer nur ein Ausschnitt der uns umschließenden visuellen Welt sein kann, daß es nur ein Sekundenbruchteil der kontinuierlich dahinfließenden Zeit ist. Kein Foto kann abgebildete Wirklichkeit wirklich werden lassen. Wir sind innerhalb der Welt, aber immer außerhalb des Abgebildeten.

Durch die Fotografie ist ein einzigartiges Abbildungssystem geschaffen worden. Jeder kann es handhaben, jeder kann Bilder herstellen. Es ist letztendlich nicht abhängig von der Einstellung, von dem handwerklichem Geschick des Bildermachers. Der Fotograf mag alle Vorbereitungen auf das Sorgfältigste ausführen -
Wahl des Ausschnitts, Belichtungszeit, Schärfentiefe und Filmmaterial - aber der entscheidende Moment ist der Druck auf den Auslöser und das Bild ist, wenn auch vorerst latent, entstanden. Die fotografische Bilderschaffung ist nicht wie die Malerei an einen Zeitraum gebunden, in dem der Erzeuger das Bild immer wieder nach seiner Vorstellung und seinem Geschick verändern und überarbeiten kann. Keine fotorealistische Malerei kann das Verlangen auf Wirklichkeitstreue befriedigen, der Betrachter hat immer - im Gegensatz zur Fotografie - die Gewißheit einer gestalteten Abbildung der Wirklichkeit.