unterwegs

Fotografien von Hotelzimmern mit einem Tagebuchtext.
Die 120 Fotografien von 68 Hotels (71 Zimmer) entstanden in den Jahren 1982-1992
in Thailand, Malaysia, Ägypten, Spanien, Marokko, Indonesien, Italien, Indien, Argentinien und Uruguay.

Nagels, Jens: unterwegs, Ein Tagebuch, 1997
160 Seiten, 120 Abb,; 16x23cm, ISBN 3-931465-01-2, Euro 15,-


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Einleitung

Wer viel gereist ist, war viel unterwegs. Es ist Tätigkeit und Zustand, denn wer reist, kommt nicht an. Es lockt immer der nächste Ort, es gibt immer ein Weiter - oder man bricht ab und kehrt heim.
Oft verweilt man lange an einem Ort, aber man bleibt nicht. Selbst weiß man, daß man bald weiterfahren wird, jeder im Ort weiß, daß diese Person bald weitergezogen sein wird. Man ist ein Durchreisender, ein Fremder, und die Rollen sind verteilt. Zwei Welten treffen aufeinander, zwei Wirklichkeiten stehen sich gegenüber und niemand kann sagen, was richtig oder falsch ist, ob dieses oder jenes besser oder schlechter funktioniert. Es ist jeweils nur eine andere Möglichkeit sich selbst und diese Welt zu sehen.
Nach diesen unbekannten Möglichkeiten habe ich immer in jenen fremden Ländern gesucht, und je fremder sie mir waren, um so mehr haben sie mich gelockt, derart, als ob ich gerade in dieser fremden Welt einen Teil meines Selbst wiederfände. Ich unterbreche die Sicherheit meiner gewohnten Alltäglichkeit.

Viele Fahrten habe ich alleine unternommen. Es hat Vor- und Nachteile, alleine zu reisen, aber es ist die intensivste Art, unterwegs zu sein. Ich stehe alleine dem Fremden gegenüber, kein Dritter steht zwischen uns oder neben mir, kein Stück Heimat begleitet mich mit Sprache und Gewohnheiten. Ich habe niemanden, mit dem ich sprechen kann. Ich kann nur den Gesprächen fremder Menschen lauschen, deren Worte ich nicht verstehe, aber deren Mimik, Gesten, Blicke und Tonfall mir, als einsamen Beobachter, ein spannendes Schauspiel bieten können.

Niemand ist da, der meine Aufmerksamkeit von dem fremden Land abzieht, niemand, der mich von mir selbst ablenkt, niemand, der meine Höhenflüge hemmt, niemand, der meine Abstürze bremst. Ich bin mir selbst ausgeliefert. Ich bin mein einziger Begleiter und ich lerne an mir Seiten kennen, die mir verborgen waren, oder die ich verborgen halten konnte. Ich entdecke und lerne; es ist interessant, aber nicht immer angenehm.

Es ist eine Sucht. Schon oft habe ich mir, wenn ich unterwegs war, gesagt, dies sei nun die letzte lange Reise, es reicht! Aber dann, irgendwann zu Hause, kam sie wieder, die Sehnsucht nach Ferne, Sonne, Fremde. Und ich bin wieder los, habe die Gassen von Fés durchstreift, ließ mich durch die Kasbah von Algier treiben, tätigte kleine Geschäfte in der Altstadt von Kairo, sah den Ararat in den Himmel ragen, überquerte auf einem Dachgepäckträger den Kyberpaß, bewunderte den nackten Jain Sri Gomateshwara in Saravanabelagola und den liegenden Buddha in Bangkok, nahm an einem balinesischem Tempelfest teil, durchquerte die Hochebene von Oaxaca, sah die Promenade von Acapulco und den Sonnenuntergang von Ujung Pandang. Jedoch - ich kann nicht nur von Gewinn sprechen, wenn ich die Verluste sehe. Erlebte Träume sind zerstörte Träume. Ich werde nie mehr den Eindruck, den das erste Verlassen Europas bei mir hinterließ, wiederholen können. Mexico-City hat seine Magie verloren, in Colombo wird es immer regnen, weil ich es im Regen sah, der Traum von Indien ist dahin.

Die Eindrücke werden schwächer, ich habe zu viele Vergleiche. Auch die Träume von mir sind durch mich beschnitten, ich habe mich erlebt. Trotzdem würde ich wieder losfahren. Ich möchte wieder Palmen sehen, durch die feuchte Hitze laufen, mich in einem klapprigen Bus durchrütteln lassen, im Wirrwarr der Gassen nach einem Restaurant Ausschau halten, ein Hotel suchen, welches nicht zu schäbig, aber auch nicht zu teuer ist.

Dann läge ich wieder nach einem anstrengenden Gang durch die Stadt auf dem Bett - Siesta. Über mir der Ventilator, dessen monotones Schnurren die Geräusche begleitet, die von der Straße heraufdrängen: Ein Kinderlachen, irgendwo kläfft ein Hund, ein Motorrad fährt knatternd vorbei, jemand stellt ein Radio an, Musik, Geschirrgeklapper.

Ich liege da und starre gegen die Wand. Ich sehe die Spuren meiner Vorgänger, Fingerspuren, Körperspuren, Abnutzung und Schmutz. Diese Spuren geben dem Zimmer Zeit, vergangene Zeit.
Ich liebe den Schmutz nicht, aber ich kann mich an ihn gewöhnen. Dieses schöne Zimmer in Essaouira war wirklich schmutzig; besonders dreckig war das Waschbecken. Nicht, daß es nur einmal nicht geputzt worden wäre, nein, es war wohl nie so richtig gereinigt worden, sondern immer nur etwas, fast so, als ob bezweckt worden wäre, ein wenig Schmutz von jedem Besucher zu erhalten.
Erst wollte ich die alte Putzfrau bitten, es zu säubern. Aber vielleicht hätte sie nicht verstanden, was ich von ihr wollte. - Ähnlich dem kleinen ägyptischen Jungen, der in dem Restaurant am Fuße des Berges Sinai bediente. Er servierte einem Engländer eine Suppe, dabei fiel ihm der mitgebrachte Löffel zu Boden. Er hob ihn auf, wischte ihn an seinem Ärmel ab und reichte ihn dem Engländer. Dieser verweigerte die Annahme und verlangte einen neuen, sauberen Löffel.

Der junge verstand nicht, was der Fremde von ihm wollte und forderte ihn immer wieder auf, den Löffel doch zu nehmen: "Fork not good - Soup. Take spoon, spoon good!"

Solch peinliche Kommunikationsschwierigkeiten wollte ich mir und der netten alten Putzfrau ersparen. Ich lernte, mich an diesem Waschbecken zu waschen, ohne es zu berühren.
Es war ein schönes Zimmer! Ich blieb zehn Tage. Der Boden war gekachelt, durch das große Fenster konnte ich auf den kleinen Hafen und die darüberkreisenden Möwen schauen, ein gemütlicher Sessel und ein Tisch standen herum; die alte Putzfrau lächelte mich immer freundlich an, warme dunkle Augen, ein zerfurchtes Gesicht, blaue Tätowierungen auf Stirn und Kinn, graue Haare und ärmliche Kleidung. Dann war da noch der überdachte Innenhof mit der hinunterführenden Treppe, die an dem düsteren Raum des Managers vorüberführte. Der Manager saß meist etwas mißmutig da, grüßte selten, hatte aber oft Besuch von zwielichtigen Personen, mit denen er sich gedämpft unterhielt.

Es war ein ärmliches aber schönes Hotel und ich würde mir überlegen, dort wieder zu wohnen, selbst dann, wenn mir das Geld aus den Taschen quölle, und ich es mir leisten könnte, eine Suite im Sahara-Inn zu mieten. Aber dort wäre ich Marocco nicht so nahe, denn dort wäre internationaler Standard, europäisch geschultes Personal, die Wände wären keine Bilder mehr, sondern einfach weiß, ohne Spur, nicht benutzt, keine Geräusche aus der Nachbarschaft. Es wäre sicherlich bequem, aber ich wäre isoliert von dem Land, das ich suche. Landschaft und Menschen, Religion und Kultur, üppiges Grün oder die gelbe Stille der Wüste, stinkendes Verkehrsgewühl oder die filigrane Anmut der Reisterrassen, körperliche Strapazen und Müßiggang am Strand, das sind die Erinnerungen, durch die ich mich treiben lassen kann, wenn mir die Wärme des Südens, das Lachen der Asiaten und die Freiheit, unterwegs zu sein, fehlen.

CHEFCHAOUÉN, KHO SUKON, ALLEPPEY

CHEFCHAOUÉN

Es ist kühl und regnet. Ein Auto fährt über nassen Asphalt, ein Ruf, Musik - und immer wieder zerteilen die grellen Vogelstimmen das Dahinfließen der Geräusche mit abrupten Höhepunkten.
Schallendes Lachen klingt durch die Gänge des Hotels. Ich erwache. Ruhig hängt das Kunststoffschild an dem Zimmerschlüssel. Sonnenflecken huschen über die Wand, draußen müßte wieder blauer Himmel sein. Soll ich aufstehen?

Ich habe einen langen Spaziergang außerhalb des Dorfes gemacht. Ich ging über die Felder, vorbei an dem Friedhof mit den verrotteten, weißen Gräbern hinauf zu dem Bergkamm, wo ein altes Minarett und ein schon fast zerfallendes Gebäude stand. Über eine enge, eckig sich hochwendelnde Treppe konnte man das Minarett besteigen und wurde belohnt mit einem herrlichen Blick über das Tal und das weiße, mit blauen Tupfern versehende Dorf, das an den mächtigen Berg geklebt zu sein schien.

Abends dann saß ich in einem der Cafés auf dem Platz oben in der Altstadt, nahe der Moschee, und trank einen starken Café au Lait. Es wurde gerade dunkel und das Dorf lebte noch einmal auf, bevor die Nacht hereinbrach. Alle waren unterwegs. Die letzten Besorgungen wurden erledigt, einige Kinder spielten lärmend in einer Ecke, die wohl mal als Blumenbeet gedacht war, andere Kinder machten sich einen Spaß daraus, einem blinden Bettler an der Jacke zu ziehen und ihn zu ärgern. Manchmal verjagte sie ein Erwachsener, aber sie ließen sich nicht lange von ihrem Spiel abhalten. Die Cafés des Platzes waren gut besucht, die Männer saßen herum, tranken Tee oder Kaffee, riefen einen der Jungen heran, der die Zigaretten einzeln verkaufte, erstanden eine Marlboro oder eine Winston, rauchten, schwiegen, unterhielten sich, grüßten die Vorbeigehenden, sahen auf den Platz und ließen den Tag vergehen, ließen Zeit verstreichen.

KHO SUKON

Es ist kurz nach Mittag. Ruhe breitet sich um diese Zeit immer über die Insel. Nur manchmal summt ein Insekt in der Luft oder der Schrei eines entfernten, unbekannten Vogels tönt zu mir herüber und zeigt mir an, daß Zeit vergeht. Ich liege auf dem harten Bett des Bungalows. Ich werde bis zum Abendessen hier liegen bleiben, nichts tun, gar nichts, nur sein, in Thailand sein. Ein leichter Wind streichelt sanft meine Hütte und den davor stehenden Baum. Sonnenflecken tanzen auf dem bunten Bezug des Bettes und freuen sich ihres Daseins. Ich sehe ihrem Spiel zu und freue mich mit ihnen. Wir sind zufrieden, so wie es ist und mit allem. Wir werden zusammenbleiben, solange die Sonne scheint.

ALLEPPEY

Heute bin ich lange durch die Stadt gelaufen, die Menschen sind freundlich und sogar die jungen Frauen zaubern in besonderen Momenten der Gunst ein Lächeln auf ihre schönen Gesichter. Gerade bat mich ein Inder um Feuer für seine Zigarette. Als ich ihm mein Feuerzeug reichte, wußte er nicht, wie es funktioniert. Erst da verstand ich, warum der Busfahrer das von mir entliehene Feuerzeug so demonstrativ vor allen Gästen gehandhabt hatte.
Es ist abend. Der Fan schnurrt, ich liege auf dem Bett und starre an die Zimmerdecke. Stimmen schallen durch die Gänge und das Treppenhaus, jetzt erstickt sie der lauter werdende Regen, 21.15h. Der Regen wird stärker, meine Gedanken treiben mich durch den vergangenen Tag. Ich fließe mit ihnen dem Schlaf entgegen.

RENTEPAO

Es regnet und regnet - der Himmel ist grau in grau und nur manchmal streichen einige tief hängende Wolkenfetzen als helle Flecken an den dunklen Hängen der steilen Bergkette vorbei, die das weite Tal begrenzt. Es ist Regenzeit im Tana Toraja. Jeden Nachmittag fängt es an zu regnen und hört, von kleinen Unterbrechungen abgesehen, bis zum nächsten Morgen nicht mehr auf.
Dieser Regen sperrt mich ein. Die Zufluchtsstätte des Zimmers wird zu meinem Gefängnis, in dem ich ausharre und warte, warte, daß die Zeit vergeht. Es kann deprimierend werden und heute hat es mich erwischt. Ich lag lange auf dem Bett, starrte gegen die Zimmerdecke und fragte mich, was das alles soll, warum ich bis in dieses entlegene Tal gereist bin, nur um alleine auf diesem Bett in diesem trostlosen Zimmer zu liegen und dem Regen zu lauschen?
Und es regnet weiter. Der Lärm der Hauptstraße verbindet sich harmonisch mit dem stetigen Geräusch des fallenden Regens. Nur manchmal übertönt das Knattern eines defekten Auspuffs oder ein anhaltendes Hupen diese dahinfließende Musik.
Ich warte auf den Abend und auf eine kleine Regenpause, daß ich halbwegs trocken ein Restaurant erreichen kann. So liege ich da, höre den Regen fallen und spüre die Zeit vergehen. Ich beobachte meine Gedanken.

Es regnet und regnet - der Himmel ist grau in grau und nur manchmal streichen einige tief hängende Wolkenfetzen als helle Flecken an den dunklen Hängen der steilen Bergkette vorbei, die das weite Tal begrenzt. Es ist Regenzeit im Tana Toraja. Jeden Nachmittag fängt es an zu regnen und hört, von kleinen Unterbrechungen abgesehen, bis zum nächsten Morgen nicht mehr auf.
Dieser Regen sperrt mich ein. Die Zufluchtsstätte des Zimmers wird zu meinem Gefängnis, in dem ich ausharre und warte, warte, daß die Zeit vergeht. Es kann deprimierend werden und heute hat es mich erwischt. Ich lag lange auf dem Bett, starrte gegen die Zimmerdecke und fragte mich, was das alles soll, warum ich bis in dieses entlegene Tal gereist bin, nur um alleine auf diesem Bett in diesem trostlosen Zimmer zu liegen und dem Regen zu lauschen?
Und es regnet weiter. Der Lärm der Hauptstraße verbindet sich harmonisch mit dem stetigen Geräusch des fallenden Regens. Nur manchmal übertönt das Knattern eines defekten Auspuffs oder ein anhaltendes Hupen diese dahinfließende Musik.
Ich warte auf den Abend und auf eine kleine Regenpause, daß ich halbwegs trocken ein Restaurant erreichen kann. So liege ich da, höre den Regen fallen und spüre die Zeit vergehen. Ich beobachte meine Gedanken.

TANGER

Wieder in Tanger. Die Reise geht zuende. Die letztenTage werde ich hier verbringen, durch die Gassen der Medina laufen, die kleinen Läden ansehen, mich mit dem Strom der Menschen mitziehen lassen, hoch zu der alten Kashba gehen und hinüber nach Gibraltar, nach Europa blicken. Ich erkunde diese alte Stadt und sauge all die Eindrücke auf, die die Menschen und die alten verwinkelten Gassen bieten. Ich genieße es, in Tanger zu sein, dieser morokkanischen Stadt, die soviel Europäisches hat..
Ich wurde kaum noch von den Touristenhaien angesprochen. Die Jagd nach dem Kunden findet nur in den ersten zwei, drei Tagen statt, dann ist man bekannt und es wird angenommen, daß man jetzt weiß, was man will oder schon alle Verbindungen geknüpft hat. Man erhält höchstens im Vorbeigehen den Hinweis zugeworfen, daß die betreffende Person gerne zu Dienstleistungen bereit wäre. Lehnt man ab, wird dies sofort akzeptiert. Jetzt konnte ich die Stadt ohne Belästigungen erkunden.
Hinter der Medina, etwas höher am Berg, liegt die neue Stadt. Hier ist alles moderner, europäischer. Die Menschen sind meist westlich gekleidet, die Geschäfte sind größer und mit anderen Waren gefüllt, kaum ein Bettler arbeitet hier und nur die schuhputzenden Kinder sind, wie überall, immer unterwegs.
Am liebsten aber durchstreifte ich immer wieder die Medina , kam immer wieder durch dieselben Gassen, sah die dieselben Männer vor ihren Läden sitzen und auf Kundschaft warten, besuchte vormittags immer das Café auf dem kleinen Platz und setzte mich an die Mauer, so daß mich die wärmenden Sonnenstrahlen erreichen konnten und schaute den einkaufenden Einheimischen zu, oder den Kindern, die lärmend auf dem Weg von oder zur Schule waren, sich schubsten, ärgerten oder flüsternd aneinandergelehnt kleine wichtige Geheimnisse austauschten.

Man kann sehr viel Zeit in einem marokkanischen Café verbringen, ohne vom Ober belästigt zu werden, ohne daß sich Langeweile einstellt, und niemand wundert sich, daß man dort so lange sitzt und nur auf die Straße sieht - mediterraner Müßiggang.

Mittags ging ich dann meist zum Hafen, um eine Kleinigkeit zu essen. Während ich heute auf meine Mahlzeit wartete, sah ich durch die weit geöffneten Fenster des Restaurants auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen blinden Lautenspieler, der unsicher zwischen den Stühlen und Tischen eines Cafés stand, aber mit sicherem und schnellem Griff die Saiten auf die Bünde drückte. Seine zitternde Stimme wühlte sich unter dem Straßenlärm bis zu uns durch, die wir dasaßen, aßen und tranken. Hilflos hielt er nach beendetem Stück seine Hand in die dunkle Unendlichkeit und hoffte einige Geldstücke zu fühlen. Er sah nicht die essenden Mäuler und die sehenden Augen, die ihn nicht wahrnehmen wollten. Er nahm seinen Stock und tastete sich einige Tische weiter, um sein Schicksal aufs neue zu überprüfen.

Nach dem Mittagessen eine Siesta auf dem breiten, zu weichen Bett meines Zimmers, etwas dösen, lesen, den Geräuschen des Hotels lauschen, immer wieder unterbrochen von dem Knarren des alten verwitterten Fensters, gegen das bisweilen heftig der Seewind drückte.
Nachmittags wanderte ich am Strand in Richtung Stadt, Jugendliche spielten Fußball im feuchten Sand, schrien gellend über die leise plätschernden Wellen, Liebespaare schlenderten sittsam nebeneinander, Frauen saßen in kleinen Gruppen zusammen und hüteten ihre Kleinkinder.
Frühling an der Straße von Gibraltar.

In der Medina sprach mich ein älterer Mann auf Deutsch an. Wir kannten uns seit meinen ersten Tagen in Tanger. Ich hatte mich seiner Einladung, das Keramikgeschäft zu besuchen, mit der Ausrede entzogen, ich käme auf jeden Fall vor meiner Abreiseabreise einmal hinein und würde mir dann alles ansehen. Jedesmal, wenn ich durch diese Gasse kam, begrüßte er mich in tadellosen Deutsch und wünschte mir einen angenehmen Tag. Immer saß er auf einem unbequemen Holzstuhl neben dem Eingang und spähte nach Kundschaft. Vielleicht hätte ich vergessen, mein Versprechen zu halten, aber irgendwie hat er es geahnt, daß meine Zeit an diesem Ort zu Ende ging und lud mich heute aufs neue in seinen Laden ein. So mußte ich folgen.
Er führte mich durch den Laden, der offensichtlich nicht ihm gehörte, zeigte mir wunderbare, mit Ornamenten bemalte Teller für Cous-Cous, Wasserbehälter oder Vasen, Kacheln mit sich immer wiederholenden und ineinanderübergehenden ornamentalen Linien, Aschenbechern und Dosen, Schalen mit und ohne Deckel.

Es gab alles hier zu kaufen, von Kunst bis Kitsch, von Mitbringsel bis Anschaffung. Nach diesem langen Vorspiel mußte ich etwas erstehen und die Auswahl fiel bei diesen schönen Sachen nicht leicht. Als der Kauf getätigt war, ich bezahlt hatte und die Schale einem Jungen zu Einpacken überantwortet worden war, lud der Alte mich zu einem Getränk auf das Dach des Hauses ein. Ein anderer Junge wurde losgeschickt, die Getränke zu besorgen, während wir der engen Wendeltreppe über mehrere Stockwerke folgten, bis wir im gleißend hellen Sonnenlicht das von einer halbhohen Mauer umschlossene Flachdach betraten. Ein wunderbarer Blick über die gesamte Medina tat sich uns auf, unzählige Häuser waren über die Hügel gewürfelt, schmiegten sich aneinander, blendeten mit weißen Mauern und lauerten mit dunklen Eingängen und schmalen Fenstern, Fernsehantennen wuchsen an dünnen Halmen auf den Dächern, Wäsche flatterte an unsichtbaren Leinen im steten Wind, über einige der Terrassenmauern waren farbige Teppiche gehängt, vielleicht zum Trocknen oder zum schnelleren Altern, daß sie als antik verkauft werden konnten. Ich sah mir noch dieses orientalische Panorama an, während mein Gastgeber sich in einer Ecke auf einem Teppich niedergelassen hatte und anhob, ein Gespräch zu führen. Es wurde jedoch ein Monolog, den ich selten unterbrach. Er erzählte, wie er als junger Mann in Spanien gelebt hatte, daß er lange in Deutschland gewesen war und dort die Sprache erlernt hatte, daß er zwei Jahre in Rom verbracht hatte, daß er sowohl Italienisch, als auch Spanisch und ein wenig Englisch sprach. Was er in diesen Ländern gemacht hatte, oder wovon er gelebt hatte, konnte ich nicht herausfinden, es war mir auch nicht so wichtig, Daß ich ihn unterbrochen hätte. Er erzählte von seiner Vergangenheit, von seinem Leben, dann von seiner Familie und den jetzigen Schwierigkeiten mit seinem Sohn, von Erbstreitigkeiten in der Familie, von seiner Gesundheit und seinen Kopfschmerzen und ob ich nicht einige Schmerztabletten oder Aspirin für ihn hätte. Es hatte so frohgemut begonnen, aber jetzt wurde es immer trauriger. Er saß vor mir, an die Mauer gelehnt, sein alter Wollpullover war an den Ellbogen ausgefranst, der Hemdkragen zerfleddert, die Schuhe mehrfach repariert, seine Haare waren fast weiß und nicht gut frisiert, die hellen Bartstoppel sprenkelten seine dunkle Haut und seine Augen waren trüb und traurig. Da saß er nun, konnte mehrere Sprachen, hatte die Welt gesehen und war jetzt ein kleiner Verkäufer in einem großen Keramikgeschäft, war alt und krank geworden und schlitterte schlängelnd mit all seinem Elend dem nicht mehr so fernen Tod entgegen.
Die Sonne schien immer noch auf uns herab, der unglaublich tiefblaue Himmel war wie ein undurchsichtiges Tuch über uns gespannt, manchmal schallte ein Rufen über die Dächer, und ich wartete auf eine Möglichkeit, dieser Traurigkeit zu entkommen. Irgendwann war der Alte von seiner Erzählung wohl selbst so erschöpft, daß wir uns wie auf ein Zeichen erhoben und nach unten gingen. Ich bekam, gut verpackt, meinen Teller für Cous-Cous und versprach beim Abschied, ihm noch vor meiner Abreise, alle Aspirintabletten zu bringen, die ich noch übrig hatte.

Es ist Abend, der letzte Tag dieser Reise neigt sich unaufhaltsam dem Ende zu. Noch einmal gehe ich an dem breiten Boulevard entlang zu meinem Stammcafé, um einem anderen namenlosen Bekannten adieu zu sagen. Wir haben nur zweimal ein Gespräch geführt, und nachdem ich ihm einmal, ganz zu Anfang, eine Marlboro angeboten hatte, wurde er zu meinem Beschützer. Jedesmal, wenn ich abends dort eintraf, um meinen letzten Mokka zu trinken, besorgte er mir einen Stuhl und einem Tisch, indem er manchmal einfach einige der dort Sitzenden vertrieb, die nichts bestellt hatten.
Nachdem er dies erledigt hatte, ging er zum Eingang des weit in das Gebäude hineinreichenden Cafés, klatschte zweimal schallend in die Hände und brüllte: "Mohammed!!!" Unverzüglich kam der Ober, wischte mit einem schmuddeligen Lappen den verbeulten Aluminiumtisch flüchtig sauber und nahm dann die Bestellung auf. Mein Beschützer saß derweil auf seinem Stammplatz am Begrenzungsgeländer des Cafés und bewachte seine dort zum Verkauf aufgehängten Lederjacken. Er war der Schwager des Besitzers und hatte die Erlaubnis, jeden Abend dort zu sitzen und auf Kundschaft zu warten. Ich habe nie gesehen, daß er eine Jacke verkauft hätte, hin und wieder begutachtete einer der Passanten die feilgebotene Ware, einige arabische Worte schwirrten kurz wechselseitig über die Tische, dann war es wieder vorbei.

Sprachen mich irgendwelche Jugendliche aus Neugier oder Langeweile an, erhob er sich schwerfällig aus seinem Stuhl, kam herüber und verjagte sie mit mißmutigem Gesicht und unwilligem Tonfall. Immer war er mit mindestem einem gestrickten Wollpullover bekleidet und steckte in einem bis fast auf den Boden hinabreichenden Mantel aus schweren dunklen Tuch. Auf dem Kopf hatte er eine löchrige Pudelmütze, die er stets von der Stirn zurückschob, so daß der Alte einen leicht verwegenen, jugendlichen Eindruck machte, wenn man in der Dunkelheit nicht so genau hinsah. Er hatte immer alles im Blick, ich brauchte nur mein Geld aus der Tasche zu ziehen, sofort stand er im Eingang, klatschte in die Hände und brüllte: "Mohammed!!!" Ich sage ihm, daß ich morgen Marokko verlasse werde, lade ihn noch zu einem letzten Tee und einer Zigarette ein. Er ist ein schweigsamer Genosse und so sitzen wir still nebeneinander und sehen zwischen den parkenden Autos auf die Straße und auf die über den Bürgersteig hastenden oder schlendernden Menschen. Ich bin noch in Marokko und trinke den letzten Thé à la Menthe, die Gedanken, die Erinnerungen treiben durch meinen Kopf. Landschaften, Städte, die Dörfer und das Meer, Menschen, Kinder, die Männer und die Frauen, braune Haut und dunkle Augen, Augen unter buschigen Augenbrauen, Augen, die über den Schleier sehen, Marokko, Land der Augen. Schade, daß ich morgen wieder in den Norden, hinter die Alpen muß. Lieber würde ich weiterfahren und länger bleiben, um mehr zu sehen, mehr zu erleben, mehr zu lernen, mehr zu sein.

PENANG, KHO SUKON, KOH TAO

PENANG

Gerade bin ich unter dem großen, surrenden Ventilator in dem Zimmer eines chinesischen Hotels aufgewacht. Es ist ruhig hier und nur wenige Laute dringen in den dämmrigen Raum. Das Handtuch hängt zum Trocknen über der Stuhllehne und schwingt sachte im Luftzug.
Gestern habe ich endlose Gänge durch die Stadt gemacht. Ich war beim Thai-Konsulat, das in einer Villengegend etwas außerhalb des Zentrums liegt. Dort giebt es prächtige Häuser aus der Kolonialzeit und gepflegte Gärten neben fast verfallenen Gebäuden in verwilderter Umgebung. Hohe, alte Bäume stehen am Straßenrand und spenden großzügig wohltuenden Schatten. Ich ging die Straßen entlang und stellte mir vor, wie es wäre, hier für einige Zeit zu leben.

Penang ist eine große Stadt, Hochhäuser, Geschäfte, Büros, Supermärkte, Kinos, Leuchtreklame und Autoverkehr, dennoch ist unverkennbar, daß diese Stadt in Malaysia liegt. Vieles erinnert an die koloniale Vergangenheit Penangs, an die Macht und den Reichtum, der nun vergangen aber noch als Abglanz allgegenwärtig ist. Ein buntes Gemisch von Menschen bewegt sich auf den Straßen: Chinesen, Malayen, Inder und auch einige Weiße. Es gibt viel zu sehen und viel zu unternehmen. Gestern war ich indisch Essen, saß lange in dem recht gemütlichen, etwas schmuddligen Restaurant, unterhielt mich mit W., den ich gerade kennengelernt hatte, und wir sahen den vorbeilaufenden Passanten zu, tranken Tee, flanierten durch Straßen mit den vielen kleinen Läden und gingen später dann in eines der riesigen Kinos. Wir sahen einen schlechten Film mit Franco Nero, aber es war keine vergeudete Zeit, denn es war lustig, die vielen "AHs" und "OHs" des Publikums, das ununterbrochene Geknacke der Erdnüsse und das Rascheln der Tüten zu hören.

Später dann lagen wir auf unseren Betten in dem gemeinsam gemieteten Hotelzimmer, der Ventilator war eingestellt und bewegte die träge, feucht-warme Luft, die an die Hitze des Tages erinnerte. Wir erzählten uns Geschichten, die wir irgendwann erlebt hatten und die uns jetzt wieder in den Sinn kamen. Die Zeit verging, wir lagen in der Dunkelheit und erinnerten uns an immer andere Begebenheiten.
Gegen Mitternacht ging, begleitet von lautem Donner, ein Gewitter nieder, welches den Innenhof unseres Hotels überschwemmte. Wir hörten über Stunden das Geräusch eines Schilfbesen, der Wasser über Kacheln fegt. Der chinesische Hausmeister kehrte den Hof aus.
Es war ein wenig kühler geworden. Man hätte den Ventilator abstellen können, aber wir waren zu faul, noch einmal aufzustehen.

KHO SUKON

Es ist kurz nach Mittag. Ruhe breitet sich um diese Zeit immer über die Insel. Nur manchmal summt ein Insekt in der Luft oder der Schrei eines entfernten, unbekannten Vogels tönt zu mir herüber und zeigt mir an, daß Zeit vergeht. Ich liege auf dem harten Bett des Bungalows. Ich werde bis zum Abendessen hier liegen bleiben, nichts tun, gar nichts, nur sein, in Thailand sein. Ein leichter Wind streichelt sanft meine Hütte und den davor stehenden Baum. Sonnenflecken tanzen auf dem bunten Bezug des Bettes und freuen sich ihres Daseins. Ich sehe ihrem Spiel zu und freue mich mit ihnen. Wir sind zufrieden, so wie es ist und mit allem. Wir werden zusammenbleiben, solange die Sonne scheint.

KOH TAO

Einen sehr schönen, ruhigen Platz habe ich hier gefunden. Es war Zufall, ich habe einfach Glück gehabt. Die Bungalowsiedlung liegt etwas im Landesinnern und meine Hütte steht abseits von den anderen, umgeben von einem Garten. Die Vegetation ist von üppigem Grün, blühende Büsche setzen Farbtupfer, manchmal bewegt ein hüpfender Vogel die Zweige, Sonnenlicht blitzt auf.
Ich sitze auf der schmalen Holzveranda vor meiner Hütte. Es ist Mittagszeit, die Zeit von elf bis drei, der heiße helle Block des Tages. Die Sonne steht senkrecht, unfähig während dieser Zeitspanne den Zenit zu verlassen. Ich kann nicht schätzen, wie spät es ist. Kein Windhauch bringt kurze Kühlung, Ruhe schwebt im Garten und über der Insel. Manchmal knarrt der alte Korbstuhl, wenn ich mein Gewicht verlagere. Die Beine des Tisches neben mir stehen in kleinen verrosteten Konservendosen. Wasser sollte sich in ihnen befinden, daß die Ameisen nicht auf den Tisch klettern können. Über den Vorplatz aus festgetretenem Lehm schleppen die Ameisen ihre Fundsachen. Einige der Winzlinge laufen im wirren Zickzack umher, andere halten sich an belebte Straßen. Am späteren Nachmittag wird der Sohn des Besitzers kommen und den Platz fegen, das Tagewerk der Insekten zerstören. Sie werden sich am Rand in den Büschen jeder Orientierung beraubt wiederfinden, aber sie werden nicht aufgeben, und der Junge wird nicht aufgeben, es wird immer so weiter gehen.

Ich fühle mich wohl, es ist so friedlich hier. Ich brauche nichts zu tun, das Buch liegt auf dem Tisch, ich bin so ruhig wie meine Umgebung. Immer wieder sehe ich zu dem im Grün fast verborgenen kleinen Schuppen hinüber. An einer der Ecken kommt aus dem Boden ein Rohr, an dessen Ende sich ein Wasserhahn befindet. Er tropft, ganz wenig, aber immer wieder bildet sich an dem Ausfluß eine blitzende Perle - ein Plopp, den ich, glaube ich, nicht höre, und die Perle zieht einen silbrigen Faden und verspritzt. Immer wieder, immer wieder ein anderer Tropfen, fast gleich, aber sicherlich verschieden. Es ist sehr schön anzusehen, aber ich würde den Hahn gerne zudrehen, ich habe es versucht, es gelang nicht. Schade um das Wasser, schade um jede Wassertropfenwelt. Issa kommt mir in den Sinn. Er schrieb zum Tod seines Kindes das Haiku:
Diese Welt der Tautropfen -
es mag nur ein Tautropfen sein,
und dennoch - und dennoch
Es ist so still hier, doch alles verändert sich, die Zeit gleitet unmerklich, nichts wird so sein, wie es gerade noch war.

Und Ma-tsu machte mit Po-chang einen Spaziergang, als sie Wildgänse vorbeifliegen sahen.
"Was ist das?" fragte Ma-tsu.
"Es sind Wildgänse", sagte Po-chang.
"Wohin fliegen sie?" fragte Ma-tsu.
Po-chang erwiderte: "Sie sind bereits weggeflogen."
Unvermittelt packte Ma-tsu Po-changs Nase. "Wie können sie jemals weggeflogen sein?" Dies war der Moment von Po-changs Erleuchtung.
Verdammt Ma-tsu, Po-chang - wie habt ihr das gemacht? Ich begreife es nicht, ich verstehe es und verstehe es doch nicht, ich bekomme es nicht zusammen. "Wie können sie jemals weggeflogen sein." Wie oft habe ich schon darüber nachgedacht und doch gewußt, daß denken in diesem Falle nicht hilft.
Ich sitze in diesem Garten, denke über alles nach, was mir in den Sinn kommt und genieße den Tag, denn ich werde nicht immer hier sitzen können. Leider.
Manchmal bewegen sich jetzt sachte die Blätter, ein leichter Wind kommt auf, bald wird es Nachmittag werden. Die Insel wird wieder erwachen, das Restaurant wird öffnen, die Tiere werden munter werden und auch ich könnte den Garten verlassen, im Restaurant einen Kaffee trinken oder einen Fruchtsalat mit Bananen, Melone und Papaya essen, ich könnte einen Spaziergang machen oder runter ans Meer gehen, etwas laufen oder schwimmen. Ich könnte einiges machen, ich könnte aber auch einfach hier sitzen bleiben und den Zustand so lange wie möglich festhalten, solange, bis mich der abendliche Hunger ins Restaurant zieht. Aber ich muß die Entscheidung nicht jetzt fällen, ich habe Zeit.

BACKWATER

Heute morgen habe ich noch einen kleinen Spaziergang durch Alleppey gemacht. Anschließend ging ich frühstücken und schon hatte ich das erste Boot, welches durch die Backwater von Kerala fuhr, verpaßt. So mußte ich zwei Stunden warten. Die meisten Touristen fuhren eine andere Strecke und bald war ich der einzige Weiße, der hier saß und wartete. Ich hatte reichlich Zeit, den Menschen um mich herum zuzusehen.

Zwei Bettler waren unermüdlich bei der Arbeit. Der eine hatte ein elefantöses Bein und war fast blind, der andere, ein weißhaariger Greis mit einem struppigen Bart, kroch auf allen Vieren zwischen den meist stehenden Menschen umher. Zum Schutz seiner Hände hatte er zwei Holzgriffe und unter seine Schienbeine hatte er mit alter zerfledderter Kordel zwei beinahe durchgelaufene Holzbrettchen geschnallt. Seine verkrüppelten Füße staken wie federlose Flügel hoch in die Luft. Diese beiden Bettler gingen oder krochen von einem der Wartenden zum anderen, sprachen ihn an, warteten, wiederholten ihre Bitte, falls sie nichts erreicht hatten. Manchmal bekamen sie etwas Geld, manchmal bekamen sie nichts, selten wurden sie fortgejagt. So war ihr Leben und hier war ihr Revier. Sie kamen auch zu mir - und sie kamen immer wieder. Das ist durchaus nicht üblich, denn mit dieser milden Gabe erkauft man sich normalerweise auch seine Ruhe. Entweder waren sie zu blind oder sie vergaßen, daß sie mich schon gefragt hatten. Alle fünfzehn Minuten stand oder saß einer der beiden vor mir und wollte Geld. Das wurde mir lästig, mir ging das Kleingeld aus, aber wie sollte ich ihnen erklären, daß... ich sprach nicht ihre Sprache.

Endlich legte das Boot an, ich konnte einsteigen, mir einen Platz suchen und weiter warten. Ich sah einigen Indern zu, die es sich unter einem Sonnendach bequem gemacht hatten. Einer der Männer zog umständlich Nägel aus langen, morschen Brettern, die anderen sahen ihm dabei zu. Sie redeten, lachten oder machten Pause. Ich beobachtete sie lange.
Wieder war der Bettler da und rief mich vom Quai her an, aber ich hatte kein Kleingeld mehr, es war mir peinlich. Ich tat so, als verstünde ich nicht.

Endlich legte das Boot ab, und wir fuhren los. In den Backwater schien die Welt noch in Ordnung. Lange Kanäle, gesäumt von schlanken Palmen, durchzogen das weite, flache Land. Später wurden die Kanäle enger, das Boot fuhr langsamer, ich konnte den Menschen fast in ihre Häuser schauen. Frauen schlugen Wäsche auf rauhe Steine, Männer stakten schmale Boote durch das dunkle Wasser, Menschen arbeiteten auf den Feldern oder transportierten Dinge. Es gab überall Menschen, sehr viele Menschen. Dies ist eine der dichtest besiedelten Gegenden Indiens. Es war eine schöne und gemütliche Fahrt: Reisfelder, Palmen, Hütten, Häuser, Menschen, Kühe, Boote, Kinder und immer wieder Kinder. Und alles lag unter diesem blauen Himmel in gleißendem Licht da.

HASSAN

Heute war ich wieder lange unterwegs. Von Mysore nach Hassan waren es viereinhalb Stunden. Als ich dies im Reiseführer gelesen hatte und sah, daß es nur 120 Kilometer waren, hielt ich es für einen Druckfehler. Aber es war richtig. Der Zug wurde von einer alten Dampflokomotive gezogen und es war eine lange, aber schöne und gemütliche Fahrt durch das gelbe und trockene Land. Der Zug ratterte und schaukelte, Rauchschwaden wehten manchmal am Fenster vorbei. Ich fuhr durch Indien - jetzt - aber wie in einer anderen Zeit.
Eine weite trockene Landschaft zog draußen in der heißen Helligkeit vorbei, Felder und einige Bäume, kleine Dörfer und einsame Ansammlungen von niedrigen Gebäuden aus Lehm, wenige Menschen, ausgefahrene Wege und schlängelnde Fußpfade. Eben hielten wir an einem kleinen, verstaubten Bahnhof. Einige Händler bestürmten den Zug und boten Eßbares an, Menschen stiegen aus oder ein, dazwischen hin und her laufende Schaffner, eine Kuh stand in der schattigen Eingangstür des Wartesaals und hielt nur ihren Kopf in die Sonne, schaute über den Bahnsteig und hatte mit all dieser plötzlichen Hektik nichts zu tun.

Die Inder und die Tiere kommen gut miteinander aus, sie lassen sich in Ruhe. Ich bemerke es an den Vögeln in der Stadt, sie sind nicht handzahm, aber auch nicht ängstlich. Krähen sitzen überall herum und ergattern sich auf dreiste Weise ihren Lebensunterhalt; die Spatzen sausen überall dazwischen. Manchmal kommen sie mir so nahe, daß sie mir die Körner fast unter den Zehen fortpicken. Und am besten haben es natürlich die Kühe. Sie dürfen überall herumlaufen und nur, wenn es ganz schlimm kommt, werden sie mal mit lautem Geschrei verjagt. Die Kühe liegen auf dem Bürgersteig, vor den Geschäften, wiederkäuend lassen sie die Hochachtung über sich ergehen, die die Hindus ihnen entgegen bringen.
Heute sah ich eine Kokosnußverkäuferin, die eine kleine Kuh mit Kokosmark fütterte. Erst biß die Frau ein oder zwei Stücke ab, dann gab sie den Rest der vor ihr stehenden Kuh, die geduldig auf ein immer nächstes Stück wartete. Manchmal muhte das Tier leise als Aufforderung oder als Dank, ich weiß es nicht.
An meinem Hotelzimmerschlüssel hängt ein Plastikschild, auf welchem in blauer Schrift steht:
22
SATHYAPRAKASH LODGE, HASSAN
Alkoholic & Non Vegetarians is Strictly Prohibited

Heute morgen machte ich mich früh auf den Weg nach Saravanabelagola. Ich wollte dieses alte Jainheiligtum besichtigen, von dessen 17 Meter hohen Skulptur des Gomesteshwara ich schon viele Abbilder gesehen hatte. Leider weiß ich sehr wenig über diese große indische Religion und ihre heiligen Männer.
Der Bus fuhr auf einer gewundenen und holprigen Straße durch das hügelige, sonnenverbrannte Land. Nach ein oder zwei Stunden Fahrt sah ich den heiligen Berg. Er stand wie ein Kegel in der Landschaft und aus der Spitze des scheinbar offenen Berges ragten die Schultern und der Kopf dieses riesigen Heiligen hervor.
Der Bus fuhr in eine Senke hinab und der Berg verschwand. Erst nach einiger Zeit tauchte er wieder auf, aber der Kopf des Gomesteshwara blieb verschwunden. Wir kamen dem Berg näher und näher, aber ich sah nur den Berg. Nicht weit vom Heiligtum hielt der Bus, ich stieg aus und ging zum Fuße des Berges. Die Statue war immer noch nicht zu sehen, nur die Treppe, deren Stufen aus dem glatten Stein des in einem Winkel von 40 Grad aufsteigenden Felsen gehauen waren. Ich zog der Sitte entsprechend die Schuhe aus und begann unter der sengenden Sonne mit dem schier endlosen Aufstieg.
Auf halber Strecke waren einige Sonnendächer aus Tuch über den Weg gespannt. Hier konnte man ausruhen und über das Dorf zu Füßen des Berges sehen, den Blick weiterschweifen lassen bis er sich in dem Dunst, der den Horizont verschleierte, verlor. Ich hatte Glück an diesem Tage, denn fast keine Besucher waren anwesend. Ich blieb einige Zeit in Ruhe dort sitzen und blickte über Indien, dann stieg ich weiter bergan. Der Heilige war immer noch nicht zu entdecken, ich glaubte schon fast, eine Fata Morgana gesehen zu haben. Ich erreichte den Tempel, schritt durch das Tor, folgte einem Gang, ging um eine Ecke und plötzlich stand ich zu seinen Füßen.

Zwischen seinen riesigen Zehen standen Opferschalen, eine Krähe hoppelte herum, über die Fußnägel der beiden großen Zehen waren Girlanden aus frischen Blumen gehängt, und als ich meinen Kopf zurückbog, konnte ich an ihm emporschauen.
Ein Tempelwächter sprach mich an: "Take picture, upstairs!" und zeigte auf eine Treppe, die zu einer ein Stockwerk höher gelegenen Dachterrasse führte. Ich folgte der Aufforderung und stand bald in Höhe seines Nabels und vermochte sein Gesicht zu sehen: Ein leichtes Lächeln umspielte die steinernden Lippen, die Augen blickten gelassen über das weite Land in eine Unendlichkeit. Diese hohe Statue war aus einem einzigen Stein geschlagen. Außer einer ornamentalen Verzierung an der Hüfte war der Körper in absoluter Schlichtheit gehalten, kein Schnörkel, kein unnützes Beiwerk, sondern nur die Andeutung der Körperformen, und dennoch war jede Einzelheit genau beobachtet und sorgsam dargestellt: die Schultern, die Beine, Füße, Hände, ja sogar die Finger- und Fußnägel, die Brust und die Brustwarzen, der Bauchnabel und das Geschlecht. Die Vorhaut des Penis lief in einer kaum merklichen sanften Spirale aus. Wie genau hatten die Künstler den menschlichen Körper beobachtet, um ihn präzise, aber doch reduziert darstellen zu können!
Lange stand ich dort oben, angelehnt an die hölzerne Ballustrade, und betrachtete ihn, ihn, der schon seit Jahrhunderten über dieses Land sah und lächelte. Ich ging wieder hinunter zu seinen Füßen, sah ihn wieder an, unfähig, mich von diesem Anblick loszureißen. Wer weiß, ob ich so etwas je wiedersehen kann.

Ein älterer Priester kam und lächelte mich an, seine dunklen Augen strahlten hell, und er sagte: "Isn't he beautiful!" "Yes, he is" stammelte ich überrascht, überrascht nicht wegen der Worte, sondern weil er es ernst meinte und es mit echter Bewunderung und Enthusiasmus ausgesprochen hatte. Ich sah diesen Priester und in meiner Erinnerung verschmelzen er und der steinernde Heilige zu einem Erlebnis: Die Statue zeigte mir die von Menschen geschaffene Schönheit und die Überwindung des Menschseins, während der Priester den Eindruck eines glücklichen Menschen machte, vielleicht des einzigen Menschen, den ich je sah, der mir wirklich glücklich erschien.
Noch einige Minuten verharrte ich, dann drehte ich mich um, verließ den Tempel, stieg die Stufen hinab bis ich wieder auf der Erde war und Häuser und Bäume und Menschen meinen Blick begrenzten.

UJUNG PANDANG

Wir hatten einen schnellen Bus nach U.P.. Ache ist gewitzt provokativ. Als der Kassierer erschien und wir die Busfahrkarte bezahlen mußten, drehte sie sich zu mir um und sagte: "You invite us?" Also kaufte ich die Tickets. Danach haben die beiden nie wieder zugelassen, daß ich auch nur die kleinste Kleinigkeit bezahlte.
Mittags kamen wir in ihrem Haus an. Wir setzten uns in einen kleinen europäisch eingerichteten Raum und ein zähes Gespräch entspann sich in dieser feuchten mittaglichen Hitze. Ich hatte es selten so heiß und schwül erlebt, der Schweiß rann aus den Haaren über den Körper bis auf die kunststoffüberzogenen Sessel.
Miss Susi war ein reizendes Geschöpf, jung, kurzer Rock, rote Schuhe mit halbhohen Absätzen, tadellos gebügelte Bluse, heller BH, halblange glatte, blau-schwarze Haare, leicht rot geschminkter Mund und schöne dunkle, mandelförmige Augen. Ache dagegen trug eine leicht ausgebeulte Jeans, Turnschuhe und ein weites T-shirt. Ihre Haare waren kurz geschnitten und mit Fingern gekämmt. Sie hatte einen leicht schiefen Mund, besonders wenn sie sprach, schien die linke Hälfte der Lippen zu schlafen. Sie konnte einen sehr direkt anschauen, sie konnte so richtig durch die Augen hindurch sehen, durch die eigenen und die des Gegenüber. Aber in ihren Augen lag auch eine Traurigkeit, ein Lebensproblem vielleicht dahinter verborgen. Dies Geheimnis wollte ich nicht lüften, in diesen Brunnen wollte ich nicht fallen.

Ich bekam ein kleines Zimmer und wir haben erst mal eine ausgiebige Siesta gehalten. Um 5 p.m. sind wir zum Essen in die Stadt gefahren. Ich hatte gehofft, wir würden am Meer essen und könnten dann den berühmten Sonnenuntergang von U.P. sehen. Aber nein, wir sind ins A.C. Kentucky Fried Chicken gegangen und haben einen Hamburger und Pommes Frites verschlungen. Es war dort sehr laut, sauber und modern, aber nicht sehr teuer.
Danach noch eine Irrfahrt zu verschiedenen Leuten quer durch die Stadt und wieder zurück in ihr Haus. Ich habe nicht begriffen, was hier genau vor sich ging. Mal erzählte sie, daß sie hier alleine wohne, mal waren die jungen Burschen im Haus ihre Brüder, dann wohnte der Vater hier, dann arbeitete sie an der Uni, dann sagte sie, sie studiere noch.
Am nächsten Morgen brachte ich den beiden netten Frauen schonend bei, daß es für mich doch einfacher wäre, wenn ich in der Stadt ein Hotel nähme. Sie waren etwas enttäuscht, sagten dann aber, sie brächten mich in die Stadt, da sie wieder nach Bulukumba fahren würden. Davon war gestern noch nicht die Rede gewesen.

Wir nahmen einen Bus in die Stadt. An der Universität stieg eine junge Studentin ein, sie hatte Bücher und Hefte unter dem Arm. Sie setzte sich mir schräg gegenüber. Sie war schön, sie war so schön, daß ich nicht fortschauen mochte, sondern sie so unauffällig wie möglich weiter ansah. Es war unglaublich, - sie war unglaublich schön! Wegsehen wäre, als ob man bei einem Sonnenuntergang am Meer die Zeitung läse.
Dann stieß mich Miss Susi an, wir mußten aussteigen. Sie mieteten ein Taxi und fuhren weiter, wir fuhren hierhin und dorthin, zu diesen und jenen Leuten. Ich wurde vorgestellt und saß anschließend stumm da, weil niemand Englisch sprach oder es vielleicht nichts zu reden gab. Eine Übung in Geduld, die mir nicht schwer fiel, denn ich dachte immer noch an die Schönheit in dem Bus. Erst gegen Mittag setzten sie mich am Hotel ab. Wir verabschiedeten uns.

Gestern bin ich kreuz und quer durch die Stadt gelaufen, war im Museum, im alten holländischen Fort, im Supermarkt, habe die Prahus, die großen Lastensegler der Bukinesen gesehen und war dann rechtzeitig zum Sonnenuntergang im Kiosk Semerang. Ich saß auf der Dachterrasse, sah über das Meer, Wolkenfelder zogen auf, der Himmel verfärbte sich, unten auf der Straße wurden Eßstände aufgebaut, Lichter entzündet und der Sonnenuntergang geriet zu einem einzigartigen Spektakel aus Licht, Form und Farbe. Unglaublich, so etwas hatte ich noch nicht gesehen, jetzt verstand ich, warum Ujung Pandang, das alte Makassar, berühmt ist für seine Sonnenuntergänge.

Wieder einen ganzen Tag herumgelaufen, wieder diesen Sonnenuntergang angeschaut. Mein letzter Abend in Sulawesi-Selatan. Gerade war ich zurück im Hotel, als es an meine Tür klopfte, ich öffnete die Tür, Ache stand davor. Wir setzten uns, tranken eine Cola und sie wollte mich überreden, wieder mit ihr zu ihrem Haus zu fahren. Nach anfänglichem Zögern gab ich nach, packte meine Sachen, checkte aus und ab ging es durch die ganze dunkle Stadt hinaus zu ihrem Haus. Zum Glück lag es an der Straße zum Flughafen. Als wir dort ankamen, war es hell erleuchtet, zwei Brüder saßen herum und sahen fern. Also setzten wir uns dazu und schauten auch TV. Nach einer Stunde ging ich schlafen. Am nächsten morgen brachte Ache mich zur Straße, hielt ein Bemo für mich an, wir wünschten uns viel Glück und ich gab ihr einen leichten Kuß auf die Wange. Ich wollte sehen, wie sie darauf reagieren würde. Sie reagierte nicht. Ich drehte mich um und stieg in das Bemo. Alle Fahrgäste sahen mich an. Sie sahen mich anders an, als sie mich sonst ansahen. Das Bemo fuhr los, ich schaute nach hinten hinaus auf die Straße. Ich sah nicht, wohin ich fuhr. Ich sah nicht, woher ich kam. Ich sah nur, was zurück blieb: Süd-Ost Asien, diese Länder am Äquator, diese Wärme und diese Menschen, denen ich mich nahe fühle, zu denen ich aber nicht gehöre. Hier kann ich auf Dauer nicht überleben. Und ich fahre zurück in ein Land, wo ich überleben kann, welches mir aber dennoch immer fremd geblieben ist. Ich fühle mich nicht zugehörig.
Was bedeutet dieses Wort Heimat eigentlich?
UJUNG PANDANG

Wir hatten einen schnellen Bus nach U.P.. Ache ist gewitzt provokativ. Als der Kassierer erschien und wir die Busfahrkarte bezahlen mußten, drehte sie sich zu mir um und sagte: "You invite us?" Also kaufte ich die Tickets. Danach haben die beiden nie wieder zugelassen, daß ich auch nur die kleinste Kleinigkeit bezahlte.
Mittags kamen wir in ihrem Haus an. Wir setzten uns in einen kleinen europäisch eingerichteten Raum und ein zähes Gespräch entspann sich in dieser feuchten mittaglichen Hitze. Ich hatte es selten so heiß und schwül erlebt, der Schweiß rann aus den Haaren über den Körper bis auf die kunststoffüberzogenen Sessel.
Miss Susi war ein reizendes Geschöpf, jung, kurzer Rock, rote Schuhe mit halbhohen Absätzen, tadellos gebügelte Bluse, heller BH, halblange glatte, blau-schwarze Haare, leicht rot geschminkter Mund und schöne dunkle, mandelförmige Augen. Ache dagegen trug eine leicht ausgebeulte Jeans, Turnschuhe und ein weites T-shirt. Ihre Haare waren kurz geschnitten und mit Fingern gekämmt. Sie hatte einen leicht schiefen Mund, besonders wenn sie sprach, schien die linke Hälfte der Lippen zu schlafen. Sie konnte einen sehr direkt anschauen, sie konnte so richtig durch die Augen hindurch sehen, durch die eigenen und die des Gegenüber. Aber in ihren Augen lag auch eine Traurigkeit, ein Lebensproblem vielleicht dahinter verborgen. Dies Geheimnis wollte ich nicht lüften, in diesen Brunnen wollte ich nicht fallen.

Ich bekam ein kleines Zimmer und wir haben erst mal eine ausgiebige Siesta gehalten. Um 5 p.m. sind wir zum Essen in die Stadt gefahren. Ich hatte gehofft, wir würden am Meer essen und könnten dann den berühmten Sonnenuntergang von U.P. sehen. Aber nein, wir sind ins A.C. Kentucky Fried Chicken gegangen und haben einen Hamburger und Pommes Frites verschlungen. Es war dort sehr laut, sauber und modern, aber nicht sehr teuer.
Danach noch eine Irrfahrt zu verschiedenen Leuten quer durch die Stadt und wieder zurück in ihr Haus. Ich habe nicht begriffen, was hier genau vor sich ging. Mal erzählte sie, daß sie hier alleine wohne, mal waren die jungen Burschen im Haus ihre Brüder, dann wohnte der Vater hier, dann arbeitete sie an der Uni, dann sagte sie, sie studiere noch.

Am nächsten Morgen brachte ich den beiden netten Frauen schonend bei, daß es für mich doch einfacher wäre, wenn ich in der Stadt ein Hotel nähme. Sie waren etwas enttäuscht, sagten dann aber, sie brächten mich in die Stadt, da sie wieder nach Bulukumba fahren würden. Davon war gestern noch nicht die Rede gewesen.
Wir nahmen einen Bus in die Stadt. An der Universität stieg eine junge Studentin ein, sie hatte Bücher und Hefte unter dem Arm. Sie setzte sich mir schräg gegenüber. Sie war schön, sie war so schön, daß ich nicht fortschauen mochte, sondern sie so unauffällig wie möglich weiter ansah. Es war unglaublich, - sie war unglaublich schön! Wegsehen wäre, als ob man bei einem Sonnenuntergang am Meer die Zeitung läse.
Dann stieß mich Miss Susi an, wir mußten aussteigen. Sie mieteten ein Taxi und fuhren weiter, wir fuhren hierhin und dorthin, zu diesen und jenen Leuten. Ich wurde vorgestellt und saß anschließend stumm da, weil niemand Englisch sprach oder es vielleicht nichts zu reden gab. Eine Übung in Geduld, die mir nicht schwer fiel, denn ich dachte immer noch an die Schönheit in dem Bus. Erst gegen Mittag setzten sie mich am Hotel ab. Wir verabschiedeten uns.

Gestern bin ich kreuz und quer durch die Stadt gelaufen, war im Museum, im alten holländischen Fort, im Supermarkt, habe die Prahus, die großen Lastensegler der Bukinesen gesehen und war dann rechtzeitig zum Sonnenuntergang im Kiosk Semerang. Ich saß auf der Dachterrasse, sah über das Meer, Wolkenfelder zogen auf, der Himmel verfärbte sich, unten auf der Straße wurden Eßstände aufgebaut, Lichter entzündet und der Sonnenuntergang geriet zu einem einzigartigen Spektakel aus Licht, Form und Farbe. Unglaublich, so etwas hatte ich noch nicht gesehen, jetzt verstand ich, warum Ujung Pandang, das alte Makassar, berühmt ist für seine Sonnenuntergänge.

Wieder einen ganzen Tag herumgelaufen, wieder diesen Sonnenuntergang angeschaut. Mein letzter Abend in Sulawesi-Selatan. Gerade war ich zurück im Hotel, als es an meine Tür klopfte, ich öffnete die Tür, Ache stand davor. Wir setzten uns, tranken eine Cola und sie wollte mich überreden, wieder mit ihr zu ihrem Haus zu fahren. Nach anfänglichem Zögern gab ich nach, packte meine Sachen, checkte aus und ab ging es durch die ganze dunkle Stadt hinaus zu ihrem Haus. Zum Glück lag es an der Straße zum Flughafen. Als wir dort ankamen, war es hell erleuchtet, zwei Brüder saßen herum und sahen fern. Also setzten wir uns dazu und schauten auch TV. Nach einer Stunde ging ich schlafen. Am nächsten morgen brachte Ache mich zur Straße, hielt ein Bemo für mich an, wir wünschten uns viel Glück und ich gab ihr einen leichten Kuß auf die Wange. Ich wollte sehen, wie sie darauf reagieren würde. Sie reagierte nicht. Ich drehte mich um und stieg in das Bemo. Alle Fahrgäste sahen mich an. Sie sahen mich anders an, als sie mich sonst ansahen. Das Bemo fuhr los, ich schaute nach hinten hinaus auf die Straße. Ich sah nicht, wohin ich fuhr. Ich sah nicht, woher ich kam. Ich sah nur, was zurück blieb: Süd-Ost Asien, diese Länder am Äquator, diese Wärme und diese Menschen, denen ich mich nahe fühle, zu denen ich aber nicht gehöre. Hier kann ich auf Dauer nicht überleben. Und ich fahre zurück in ein Land, wo ich überleben kann, welches mir aber dennoch immer fremd geblieben ist. Ich fühle mich nicht zugehörig.
Was bedeutet dieses Wort Heimat eigentlich?